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Methodik9 Min.19. Mai 20261500 Wörter

Knowledge-Loss-Risk-Score: Wie Jennex (2014) Wissensrisiken messbar macht — und warum BusFactor das Modell auf Rollen umbaut

Wer Wissensrisiken steuern will, muss sie zuerst messen. Murray E. Jennex (San Diego State University) hat 2014 in *VINE* das wohl präziseste mathematische Modell hierfür vorgelegt [1]. Seine Formel Risk = Likelihood × Consequence × Quality ist auf den ersten Blick einfach — ihre Anwendung wirft jedoch fundamentale Fragen auf: Wie weit darf eine Organisation Individuen bewerten? Welche Datenpunkte sind zulässig? Wir rekonstruieren das Modell, ordnen die ethischen Grenzen ein und zeigen, wie ein **rollenbasierter** Re-Build die methodische Substanz bewahrt, ohne in People Analytics zu kippen.

1. Das Originalmodell

Jennex (2014) entwickelt sein Modell aus einer Pilotstudie bei einem US-Verteidigungsunternehmen (n=6 Pilotpersonen) [1]. Die Formel lautet: Risk = Likelihood × Consequence × Quality.

  • Likelihood — Wahrscheinlichkeit, dass die Person das Unternehmen innerhalb des Beobachtungsfensters verlässt.
  • Consequence — Schadenshöhe bei Wissensverlust (Output, Compliance, Kundenbeziehungen).
  • Quality — Verfügbarkeit redundanter Wissensquellen (Dokumentation, Stellvertreter, externe Quellen). Niedrige Quality erhöht das Risiko.

Jeder Faktor wird auf einer Skala (typisch 1–5) bewertet. Das Produkt ergibt einen Score zwischen 1 und 125, der mit Schwellenwerten in Risikoklassen übersetzt wird.

Die methodische Stärke liegt in der Multiplikation: Nur wer in allen drei Dimensionen kritisch ist, erreicht hohe Scores. Ein hochqualifizierter, aber gut vertretener Senior-Ingenieur erhält denselben Score wie ein leicht ersetzbarer, aber kündigungsgeneigter Junior — und das ist korrekt: Beide stellen niedriges Risiko dar.

2. Die ethische Lücke

Im Originalpaper [1, Appendix] schlägt Jennex zur Operationalisierung von Likelihood Faktoren vor, die in einem DACH-Mittelstand undenkbar wären: Alter, Gesundheitszustand, Jobzufriedenheit, familiäre Situation. Das ist methodisch verständlich (alle drei korrelieren mit Fluktuationswahrscheinlichkeit), aber rechtlich und betriebsverfassungsrechtlich problematisch.

In Deutschland berühren solche Bewertungen mehrere Schutzregime gleichzeitig: DSGVO (Art. 9 besondere Kategorien), AGG (Diskriminierungsschutz), BetrVG § 87 Abs. 1 Nr. 6 (Mitbestimmung bei Leistungs- und Verhaltenskontrolle). Eine 1:1-Übernahme der Jennex-Operationalisierung ist nicht nur unzulässig, sondern würde jede Akzeptanz im Unternehmen sofort zerstören.

3. Der rollenbasierte Re-Build

Die methodische Substanz Jennex' lässt sich bewahren, wenn man die Bewertungseinheit von der Person auf die Rolle verschiebt. Das ist nicht nur ethisch geboten, sondern oft analytisch präziser — denn Wissensrisiko ist primär ein strukturelles, kein individuelles Phänomen.

| Faktor | Personen-Indikator (Jennex Original) | Rollen-Indikator (Re-Build) | |---|---|---| | Likelihood | Alter, Gesundheit, Unzufriedenheit | Marktverfügbarkeit der Rolle, durchschnittliche Tenure, externe Recruiting-Zeit | | Consequence | Position, Einfluss | Anzahl abhängiger Prozesse, Compliance-Reichweite, Kunden-Exposure | | Quality | Individuelle Dokumentationsdisziplin | Strukturelle Dokumentationsabdeckung der Rolle, Stellvertretungsdichte, externe Wissensquellen |

Die Multiplikationslogik bleibt erhalten. Die Aussagekraft des Scores ändert sich qualitativ: Statt "Person X ist riskant" heißt es "Rolle Y ist strukturell unterabgesichert". Maßnahmen sind dann ebenfalls strukturell — Aufbau von Stellvertretung, Dokumentation, Cross-Training — und nicht personen-getrieben.

4. Zwei Anwendungsmodi

Im Mittelstand bewährt sich eine Zwei-Modus-Anwendung:

Modus A — Strategisches Screening (jährlich). Vollständige Bewertung aller Rollen entlang der drei Faktoren. Ergebnis: priorisierte Top-10-Liste der riskantesten Rollen. Diese werden gezielten Maßnahmen zugeführt (Stellvertretungsaufbau, Knowledge-Capture-Initiativen, externe Backups).

Modus B — Event-getriebene Detailbewertung. Sobald eine konkrete Kündigung, Pensionierung oder längere Abwesenheit ansteht, wird die betreffende Rolle mit verfeinerten Indikatoren bewertet. Bei hohem Score wird ein Leaving-Expert-Debriefing nach Hofer-Alfeis (2008) ausgelöst [2].

5. Anschluss an die empirische Forschung

Der Re-Build ist kein Kompromiss — er ist methodisch besser begründet, wenn man die jüngere Forschung berücksichtigt. Massingham (2018) zeigt, dass Schadenseffekte über Quartale kumulieren und stark vom strukturellen Kontext (Vertretungsnetze, Beziehungskapital) abhängen — also genau von den Rollenfaktoren [3]. Galan (2023) synthetisiert 91 empirische Studien zum Effekt von Fluktuation und betont strukturelle Mitigation [4]. Sumbal et al. (2019) belegen am Beispiel der Fertigungsindustrie, dass Knowledge-Retention-Erfolg primär von Prozessen und Triage abhängt, nicht von Personenbewertung [5].

Fazit

Jennex hat 2014 eine methodische Hinterlassenschaft formuliert, deren Kern (multiplikative Risikozerlegung) heute noch trägt. Wer die People-Analytics-Aspekte streicht und durch strukturelle Rollenindikatoren ersetzt, erhält ein DSGVO-konformes, mitbestimmungsfähiges und analytisch valides Triage-Werkzeug — die Grundlage für jeden ernsthaften Knowledge-Risk-Prozess im Mittelstand.

Quellen

  1. [1]
    Jennex, M. E. (2014). A proposed method for assessing knowledge loss risk with departing personnel. VINE, 44(2), 185–209. https://doi.org/10.1108/VINE-07-2012-0028
  2. [2]
    Hofer-Alfeis, J. (2008). Knowledge management solutions for the leaving expert issue. Journal of Knowledge Management, 12(4), 44–54. https://doi.org/10.1108/13673270810884246
  3. [3]
    Massingham, P. R. (2018). Measuring the impact of knowledge loss: A longitudinal study. Journal of Knowledge Management. https://doi.org/10.1108/JKM-08-2016-0338
  4. [4]
    Galan, N. (2023). Knowledge loss induced by organisational member turnover. The Learning Organization.
  5. [5]
    Sumbal, M. S., Tsui, E., Durst, S., Shujahat, M., Irfan, I., & Ali, S. M. (2019). A framework to retain the knowledge of departing knowledge workers in the manufacturing industry. VINE Journal of Information and Knowledge Management Systems. https://doi.org/10.1108/VJIKMS-06-2019-0086

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