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Forschungssynthese10 Min.18. Mai 20261700 Wörter

Warum klassisches Wissensmanagement in KMU scheitert: Die Forschungssynthese von Durst, Edvardsson und Wilhelm

Wer Wissensmanagement-Lösungen für den Mittelstand entwirft, kann sich auf eine erstaunlich präzise Forschungslage stützen. Susanne Durst (damals University of Liechtenstein) hat 2012 zwei Schlüsselarbeiten im *Journal of Knowledge Management* veröffentlicht: Eine systematische Review von 36 empirischen KMU-Studien gemeinsam mit Ingi Runar Edvardsson [1], und eine fokussierte Analyse zu Succession Planning mit Stefan Wilhelm [2]. Beide kommen zum selben Schluss: **KMU sind keine kleinen Konzerne. Enterprise-KM-Tools scheitern hier systematisch.**

1. Warum diese beiden Studien zentral sind

Die meisten Wissensmanagement-Studien beziehen sich auf Großunternehmen — mit Stabsstellen, dedizierten KM-Managern, Six-Sigma-Strukturen und IT-Budgets jenseits der KMU-Realität. Durst und Edvardsson (2012) waren die ersten, die systematisch eine KMU-spezifische Forschungssynthese vorlegten: 36 peer-reviewed empirische Studien aus 2001–2011, gezielt selektiert aus den Top-KM-Journals via ProQuest [1].

Parallel veröffentlichten Durst und Wilhelm im selben Jahr eine Tiefenanalyse zum Succession Planning in KMU mit besonderem Fokus auf den Wissensaspekt [2]. Beide Arbeiten gelten heute als Gründungstexte des KMU-spezifischen Knowledge-Management-Forschungsfelds.

2. Die Diagnose: KMU sind strukturell anders

Durst & Edvardsson (2012) identifizieren drei strukturelle Eigenheiten, die KM in KMU fundamental unterscheiden [1, S. 884–886]:

Erstens — chronischer Ressourcenmangel. Zeit, Geld, qualifiziertes Personal sind knapp. Aufwändige KM-Initiativen mit mehrmonatigem Rollout sind faktisch nicht durchführbar.

Zweitens — Informalität. Wissen wird nicht über formale Prozesse geteilt, sondern in Pausen, am Telefon, beim gemeinsamen Mittagessen. Diese Informalität ist eine Stärke (schnelle Reaktionsfähigkeit), aber eine massive Schwäche bei Personalwechsel.

Drittens — Schlüsselpersonen-Abhängigkeit. Ein überproportionaler Anteil des operativen Wissens liegt bei wenigen Personen — oft dem Inhaber, einer Handvoll Senior-Mitarbeiter, und punktuell bei langjährigen Fachkräften. Der Bus-Faktor ist in KMU strukturell niedriger als in Konzernen.

3. Die drei Forschungslücken

Aus der Synthese der 36 Studien leiten Durst & Edvardsson drei Bereiche ab, in denen die KMU-Forschung systematisch unterversorgt ist [1, S. 892–895]:

  1. Knowledge Identification — Welches Wissen ist überhaupt kritisch? Wer trägt es? Wie identifiziert man Risiko-Konzentrationen? In den meisten KMU existiert keine systematische Antwort.

  2. Knowledge Retention — Wie wird Wissen gehalten, wenn Personen wechseln, in Rente gehen oder ausfallen? Auch hier dominieren Ad-hoc-Lösungen.

  3. KMU-spezifische Mechanismen — Forschung adaptiert oft 1:1 Großkonzern-Modelle (Communities of Practice, KM-Manager-Rollen). Diese funktionieren in KMU nicht.

Diese drei Lücken bilden — bemerkenswert präzise — das Pflichtenheft für moderne Mittelstands-Tools.

4. Succession Planning: Der unterschätzte Risiko-Hotspot

Durst und Wilhelm (2012) zeigen in ihrer Fallstudienanalyse: Succession Planning in KMU ist die Regel, nicht die Ausnahme — und wird trotzdem fast nie systematisch betrieben [2, S. 640–644].

Konkrete Befunde:

  • Über 50 % der KMU haben in den nächsten 10 Jahren mindestens eine kritische Nachfolge zu lösen (Inhaber, Geschäftsführung, Fachbereichsleitung).
  • Der wissensbezogene Aspekt der Nachfolge wird systematisch unterschätzt — der Fokus liegt auf rechtlichen und finanziellen Fragen.
  • Wenn überhaupt dokumentiert wird, geschieht das ad-hoc und unstrukturiert. Der Nachfolger startet faktisch ohne nutzbare Wissensbasis.

Das ist exakt der Use Case, den Levallet & Chan (2018) als „Failure to convert conscious to objectified“ beschreiben [3] — empirisch in einer ganz anderen Branche und Methodik bestätigt.

5. Die KMU-Architektur-These

Aus der Konvergenz von Durst-Edvardsson, Durst-Wilhelm und der breiteren Forschungslage (Argote, Massingham, Jennex) ergibt sich eine kohärente Architektur-These für KMU-taugliche Knowledge-Retention-Tools:

| Anforderung | Begründung | |---|---| | Schnell einsetzbar (Tage, nicht Monate) | Ressourcenmangel — kein KM-Manager, kein Rollout-Budget | | KI-gestützt im Capture | Reduziert kognitive Last bei knapper Experten-Zeit | | Rollenbasiert (nicht abteilungsbasiert) | Spiegelt die KMU-Realität von Doppelrollen und informellen Strukturen | | Risiko-Identifikation als Kern-Feature | Adressiert Lücke 1 aus Durst-Edvardsson | | Succession-Workflows out of the box | Adressiert die Durst-Wilhelm-Lücke direkt | | Klein-startbar, mit klarer Wachstumspfad | Vermeidet Big-Bang-Implementierungen, die in KMU scheitern |

6. Was die Forschung noch nicht beantwortet

Beide Studien lassen offene Fragen, die in den Jahren danach nur partiell beantwortet wurden:

  • Quantifizierung von Knowledge-Loss-Kosten in KMU — Massingham (2018) liefert hier longitudinale Indikatoren [4], aber kaum spezifisch für DACH-KMU.
  • Wirkung von KI/GenAI auf KMU-spezifisches KM — die 2012er-Studien konnten das technologische Pattern nicht antizipieren. Aktuelle Arbeiten wie Finkel & Wurster (2026) füllen die Lücke schrittweise [5].
  • Erfolgsmessung von Knowledge-Retention-Interventionen — saubere Vorher-Nachher-Studien mit Kontrollgruppen fehlen weitgehend.

Diese Forschungslücken sind gleichzeitig Produktentwicklungs-Lücken: Wer hier saubere Daten und Methoden mitbringt, hat einen wissenschaftlich abgesicherten Vorsprung.

7. Implikation für die Produktauswahl

Für Geschäftsführer und IT-Verantwortliche im Mittelstand lässt sich aus dieser Forschungslage eine einfache Checkliste ableiten:

  1. Misst das Tool das Bus-Faktor-Risiko explizit? Oder ist es nur ein Wiki?
  2. Lässt es sich in Tagen einführen — ohne KM-Manager-Stelle?
  3. Adressiert es Succession Planning als Workflow, nicht als Dokumenten-Ordner?
  4. Reduziert es die kognitive Last für die Experten beim Capture?
  5. Bildet es Rollen und Beziehungen ab, nicht nur Dokumente?

Wer auf alle fünf Fragen klare Antworten bekommt, hat hohe Chance auf eine Lösung, die in der KMU-Realität trägt — und nicht im Tool-Friedhof endet.

Fazit

Die KMU-Forschung der Durst-Gruppe ist 13 Jahre alt, in ihrer Diagnose aber unverändert aktuell. Ressourcenmangel, Informalität und Schlüsselpersonen-Abhängigkeit sind die strukturellen Konstanten des Mittelstands. Wer Wissensmanagement-Lösungen für diese Zielgruppe baut, muss diese Konstanten ernst nehmen — sonst entsteht ein weiteres Tool, das in der Schublade bleibt.

Quellen

  1. [1]
    Durst, S., & Edvardsson, I. R. (2012). Knowledge management in SMEs: A literature review. Journal of Knowledge Management, 16(6), 879–903. https://doi.org/10.1108/13673271211276173
  2. [2]
    Durst, S., & Wilhelm, S. (2012). Knowledge management and succession planning in SMEs. Journal of Knowledge Management, 16(4), 637–649. https://doi.org/10.1108/13673271211246194
  3. [3]
    Levallet, N., & Chan, Y. E. (2018). Organizational knowledge retention and knowledge loss. Journal of Knowledge Management. https://doi.org/10.1108/JKM-08-2017-0358
  4. [4]
    Massingham, P. R. (2018). Measuring the impact of knowledge loss: A longitudinal study. Journal of Knowledge Management. https://doi.org/10.1108/JKM-08-2016-0338
  5. [5]
    Finkel, P., & Wurster, P. (2026). Unlocking tacit knowledge in industrial production. Proceedings of the 59th HICSS, 4740–4749. https://doi.org/10.24251/HICSS.2026.567

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