Implizites Wissen (Tacit Knowledge): Warum Ihre wichtigste Ressource nicht in Dokumenten steht
*„We know more than we can tell.“* Mit diesem einen Satz hat Michael Polanyi 1966 das Fundament für moderne Wissensmanagement-Theorie gelegt. Die Beobachtung ist einfach: Ein erfahrener Schweißer erkennt am Klang, ob eine Naht hält. Eine Sachbearbeiterin weiß, welcher Kunde Sonderbehandlung braucht, ohne es jemals notiert zu haben. Dieses Wissen entzieht sich der direkten Verbalisierung — und genau deshalb verschwindet es mit der Person, die es trägt.
Definition
Implizites Wissen — englisch tacit knowledge, im Praxisdiskurs oft tribal knowledge — bezeichnet handlungsleitendes Wissen, das eine Person besitzt, aber nicht ohne Weiteres explizit machen kann. Michael Polanyi hat es 1966 in The Tacit Dimension eingeführt [1] und mit einem Beispiel illustriert: Wir erkennen ein Gesicht in einer Menge wieder, ohne die Merkmale aufzählen zu können, anhand derer wir das tun.
Explizites Wissen lässt sich in Worten, Formeln, Diagrammen erfassen — eine Stückliste, ein Algorithmus, eine Arbeitsanweisung. Implizites Wissen liegt in Routinen, Heuristiken, sensomotorischen Fertigkeiten, Mustererkennungen. Beide sind real, beide sind handlungsrelevant — aber sie brauchen unterschiedliche Werkzeuge.
Warum die Unterscheidung praktisch wichtig ist
Viele Dokumentationsprojekte scheitern, weil sie implizites Wissen behandeln, als wäre es explizites. „Schreib auf, wie du das machst“ liefert bestenfalls die explizite Hälfte. Die implizite Hälfte — das Warum, das Wann, das Unter welcher Bedingung anders — bleibt im Kopf. Genau diesen Effekt beschreiben Engineers in r/MechanicalEngineer am Beispiel von Manufacturing-Wissen [2] und Sam Gupta am Beispiel von ERP-Customization [3]: Die SOP existiert, aber die interpretierende Schicht (CM First [4]) fehlt — und genau die ist betriebsentscheidend.
Das SECI-Modell
Ikujiro Nonaka und Hirotaka Takeuchi haben in The Knowledge-Creating Company (1995) [5] ein Modell vorgeschlagen, wie sich implizites und explizites Wissen wechselseitig überführen lassen — bekannt als SECI:
| Übergang | Bezeichnung | Methode | |---|---|---| | Implizit → Implizit | Sozialisation | Shadowing, Lehrlingsmodell | | Implizit → Explizit | Externalisierung | Strukturierte Interviews, Critical Incident | | Explizit → Explizit | Kombination | Reviews, Cross-Linking, Konsolidierung | | Explizit → Implizit | Internalisierung | Üben, simulierte Fälle, Praxisrotation |
Die meisten KMU-Wissensprogramme arbeiten ausschließlich an „Explizit → Explizit“ (Wikis verschönern). Das erklärt, warum sie ihren Bus-Faktor selten verändern.
Donald Schöns „Reflective Practitioner“
Donald Schön hat 1983 [6] beschrieben, wie erfahrene Praktiker im Handeln denken — reflection-in-action. Sein Befund: Erfahrungswissen wird oft erst sichtbar, wenn die Person mit einer unerwarteten Situation konfrontiert wird und ihre Reaktion erklärt. Daraus folgt die Erhebungs-Heuristik: Frag nach dem Edge Case, nicht nach dem Standardfall.
Operative Erhebungstechniken
Strukturierte Interviews
Sechs Themenblöcke (Outcome, Recurring Tasks, Edge Cases, Beziehungen, Werkzeuge, Stille Regeln) wie im Wissenstransfer-Leitfaden beschrieben.
Critical Incident Technique
Die SME wird gebeten, einen konkreten herausfordernden Fall zu rekonstruieren — „Erzählen Sie mir die letzte Situation, in der Sie ein ungewöhnliches Vorgehen wählen mussten.“ Solche Erzählungen offenbaren Heuristiken zuverlässiger als abstrakte Fragen.
Cognitive Task Analysis
Ein systematisches Verfahren aus der Arbeitspsychologie: Aufgabe wird in Schritte zerlegt, an jedem Schritt wird gefragt, welche Entscheidung wo getroffen wird und woran sie sich orientiert.
Shadowing
Stille Begleitung der Arbeit über mehrere Stunden, mit anschließendem strukturiertem Nachgespräch zu beobachteten Mikroentscheidungen.
AI-assisted Interview
Ein LLM moderiert das strukturierte Interview, hört nach, fasst zusammen. Wertvoll vor allem, wenn keine erfahrene Moderation verfügbar ist — siehe KI-Wissensmanagement-Leitfaden.
Grenzen der Erhebung
Nicht alles implizite Wissen lässt sich explizit machen — Polanyis Punkt war gerade dieser. Was nicht erhebbar ist, muss durch Sozialisation weitergegeben werden: Lehrlingszeit, Tandem-Phasen, Job-Rotation. Wer diese Übergaben durch Dokumentation ersetzen will, übersieht den theoretischen Kern.
Implizites Wissen und Bus-Faktor
Die meisten BF-1-Rollen in KMU sind BF-1, weil der entscheidende Wissensanteil implizit ist. Eine Buchhaltungs-SME ist nicht ersetzbar, weil sie die Buchungssätze kennt (das ist explizit), sondern weil sie weiß, welchen Kunden man wann freundlich erinnert und bei welcher Auffälligkeit man die Geschäftsführung früh informiert. Erst die Erhebungstechniken für implizites Wissen senken solchen Bus-Faktor real.
Fazit
Wer Wissensrisiken im Mittelstand ernst nimmt, muss die Polanyi-Unterscheidung akzeptieren: Es gibt eine Wissensklasse, die in keinem Wiki erscheint, aber den Geschäftsbetrieb trägt. Sie zu erheben braucht andere Methoden — dialogisch, situativ, geduldig. Und sie braucht ein System, das diese Erhebungen revalidierbar hält, statt sie in einem Loom-Video verschwinden zu lassen.
Quellen
- [1]Polanyi, M. (1966). The Tacit Dimension. Routledge & Kegan Paul.
- [2]r/MechanicalEngineer Community (2025). How do teams actually deal with tribal knowledge loss in MechEng?. Reddit — r/MechanicalEngineer (61 Upvotes). https://www.reddit.com/r/MechanicalEngineer/comments/1rbvteu/
- [3]Gupta, S. (2025). If your ERP depends on one person. LinkedIn. https://www.linkedin.com/posts/samguptausa_erp-guptaerp-share-7429525176633176064-Vfdi/
- [4]CM First Group (2025). The Handoff No One is Planning For — Legacy Developers and the Interpretive Layer. LinkedIn. https://www.linkedin.com/posts/the-handoff-no-one-is-planning-for-share-7453533682767667201-sWE4/
- [5]Nonaka, I. & Takeuchi, H. (1995). The Knowledge-Creating Company. Oxford University Press.
- [6]Schön, D. (1983). The Reflective Practitioner: How Professionals Think in Action. Basic Books.
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